„Wo ist sie? Wo ist sie, verdammt nochmal?“
Ein feiner, aufgeregter Bass zitterte durch das alte Turmzimmer.
Zwischen meterhohen Regalen aus dunklem Holz kletterte ein winziger Teddy empor, der so konzentriert war, dass selbst der Staub innezuhalten schien.
Benno, der Turmarchivar, stand auf der dritten Stufe seiner kleinen Leiter, balancierte mit einer Hand eine Lupe, mit der anderen ein vergilbtes Buch, und murmelte:
„Eintrag siebenhundertvierundzwanzig-b: Die Geschichte vom verschwundenen Wind. Ich hab sie doch gestern hier abgelegt! Oder war’s vorgestern? Oder… war das überhaupt ein Wind?“
Er tippte sich an die Stirn, zog eine winzige Notiz aus seiner Weste und runzelte die Augenbrauen.
„Nein, nein, das war das Gerücht vom Wind. Ganz anderes Genre.“
Er seufzte.
Sein Blick glitt über das Zimmer. Das Geschichtenarchiv.
Ein Labyrinth aus Büchern, Karten, Schubladen, Gläsern mit eingesammeltem Dorfnebel, und einer alten Pendeluhr, die nie die richtige Zeit anzeigte, aber zuverlässig zu früh seufzte.
Überall raschelte, flüsterte und kicherte es.
Die Geschichten lebten, manche nur leise, andere wie aufgedrehte Kinder.
„Ich brauche Ruhe, Ordnung, System!“, rief Benno, während eine Seite vom oberen Regal herabflatterte und ihm auf die Nase landete.
Darauf stand in krakeliger Schrift: Such mich doch!
„Unverschämt!“, brummte er. „Selbst die Geschichten haben heute schlechte Manieren.“
Er wollte die Seite gerade wieder einordnen, da hörte er unten im Turm ein seltsames Geräusch. Ein dumpfes Poltern, gefolgt von einem Flüstern, das nach Neugier und Schabernack klang.
„Hallo?“, rief Benno vorsichtig, den Federkiel wie eine Waffe erhoben.
„Wer da?“
Stille.
Dann – wupp! – fiel ein Buch vom obersten Regal, direkt in den Teebecher.
Benno starrte auf das schwimmende Buch, blinzelte, und bevor er reagieren konnte, steckte plötzlich eine flauschige Pfote aus dem Bücherhaufen hervor.

„Au! Wer stellt denn bitte Regale ohne Geländer auf?“, murrte eine Stimme, die klang, als hätte sie zu viel Honig und zu wenig Geduld.
Benno blinzelte.
„Was um Himmels willen bist du denn?“
„Reporter!“, schnaufte der kleine Teddy und rappelte sich auf.
„Brösel. Brösel Valentino, um genau zu sein. Ich recherchiere für die Dorfzeitung. Und Sie?“
„Ich? Ich bin der Turmarchivar!“, antwortete Benno entrüstet.
„Und du bist mitten in meinem System gelandet!“
Brösel sah sich um. „System? Ich seh hier nur Staub, Tee und Chaos.“
„Das ist geordnetes Chaos!“, fauchte Benno und fuchtelte mit seiner Lupe.
„Jede Geschichte hat ihren Platz. Jede Seite ihre Stimmung. Und nichts wird ohne meine Erlaubnis gelesen!“
Brösel grinste.
„Dann haben Sie ja richtig Pech, ich lese beruflich ohne Erlaubnis.“
Ein raschelndes Kichern ging durch die Regale. Offenbar hatten auch die Bücher Spaß an diesem neuen Besucher.
Benno setzte seine Brille zurecht, nahm die Uhr vom Regal und hielt sie sich ans Ohr.
„Also gut, Reporter. Wenn du schon hier bist, hilf mir. Ich suche den verschwundenen Wind.“
„Den Wind?“, Brösel zog eine Augenbraue hoch.
„Den kann ich dir bringen. Ich bin heute schon zweimal gegen ihn gelaufen.“
„Nicht den! Den aus dem Buch!“, seufzte Benno, „er ist fortgeflogen, bevor ich ihn katalogisieren konnte. Wenn wir ihn nicht finden, verweht er am Ende noch die Chroniken!“
Brösel grinste. „Ein Fall für uns, Partner?“
Benno blinzelte. „Partner? Ich arbeite grundsätzlich allein.“
„Na, das wird sich ändern“, sagte Brösel und klopfte ihm auf die Schulter.
„Ich bring die Unordnung, Sie den Plan. Zusammen sind wir unschlagbar.“
Ein Windstoß rauschte durch den Turm, und irgendwo in der Ferne kicherte eine Seite.
Der verschwundene Wind war wohl nicht weit.
Benno seufzte, griff nach seiner Lupe und murmelte:
„Nur über meine leere Teetasse, Brösel.“
Brösel grinste. „Abgemacht!“
Und so begann das erste Abenteuer von Benno und Brösel. Mitten im Geschichtenarchiv, zwischen flatternden Seiten, sprechenden Büchern und einer Freundschaft, die kein Register dieser Welt hätte planen können.

