Das langobardische Fürstinnengrab

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Das langobardische Fürstinnengrab

Das langobardische Fürstinnengrab

(Text von Michael Huysza; Fotos: Naturhistorisches Museum Wien)
Nacherzählt von unserem Dorf-Archivar Benno
Wenn man, so wie ich, Tag für Tag durch verstaubte Chroniken blättert, bekommt man ein Gefühl dafür, wann
ein Fund bloß interessant ist… und wann er so außergewöhnlich ist, dass man kurz das Staubtuch fallen lässt.
Und genau das passiert mir jedes Mal, wenn ich die Geschichte des Hauskirchner Fürstinnengrabes lese.
Im Weinviertel sind inzwischen neun langobardische Gräberfelder gefunden worden. Keine schlechten
Aussichten für jemanden wie mich, der gern im Gestern wühlt. Aber eines davon… eines sticht heraus wie ein
goldener Faden im groben Leinen: Das langobardische Fürstinnengrab von Hauskirchen.
Entdeckt wurde es 1966/67 in der Heindl-Schottergrube – dort, wo heute die Firma Winter ist, zwischen Hauskirchen und Prinzendorf.
Man muss sich das vorstellen: Arbeiter schaufeln, der Boden bröselt auseinander, und plötzlich guckt nicht nur Schotter hervor,
sondern Geschichte. Richtig viel Geschichte.


Im Jahr 1967 legte das Bundesdenkmalamt 16 Gräber frei. Und leider, wie so oft, waren
einige davon schon früher zerstört worden. Von manchen Gräbern blieben nur ein paar
Beigaben übrig, die man gerade noch retten konnte. Aber selbst das ist besser als
nichts… ein Archivar freut sich über jedes Fitzelchen.
Das Fürstinnengrab, das berühmteste von allen, war bereits in alter Zeit geplündert
worden. Nicht später als zehn Jahre nach der Bestattung, das weiß man, weil Sehnen
und Stoffreste noch zusammenhingen, als die Plünderer kamen. Ich stelle mir das
manchmal vor: Fackelschein, das Geräusch einer Schaufel… und jemand hebt die junge
Frau aus ihrem eigenen Grab.


Man fand ihr Skelett später schräg an den Rand der Raubgrube gelehnt. Nur der Schädel
fehlte – vermutlich beim Ziehen abgerollt und mit der Erde hinausgeschaufelt.
Doch jetzt kommt der Teil, bei dem ich jedes Mal laut „Ha!“ rufe, egal ob Brösel daneben sitzt oder nicht.
Die Plünderer gruben an den Beigaben zehn Zentimeter vorbei.
Zehn Zentimeter! Hätten sie nur einmal ordentlich nach links geschaut, wäre alles weg gewesen. Ein Glück für uns – und
für die Geschichtsbücher.


Was dort verborgen blieb, ist eine Schatztruhe langobardischer Kultur:
Ein großes Perlrandbecken aus Messing, gefertigt im Rheinland. Ein keilstichverzierter Rippenbecher aus Ton
vollständige Metallbeschläge eines Pferdegeschirrs, und zwar für zwei Pferde. Eine scharf profilierte Tonschüssel, ein
eisernes Webeschwert (ja, Weben war damals eine Angelegenheit von Rang!). Und ein Ring aus Elfenbein, ein echter
Zeuge der Völkerwanderungszeit!
Und dann gibt es da noch die Stücke, wegen denen mir jedes Mal die Brille beschlägt:
Vier rechteckige vergoldete Silberbeschläge, an denen je ein mondsichelförmiger Anhänger hängt – fein verziert, als hätte jemand
stundenlang über jedem Detail gebrütet.
Die Pferdegeschirre erzählen übrigens auch eine Geschichte:
Aufgrund der Ringtrensen aus Bronze und den eisenenen Mundstücken kann
es sich nur um Zugpferde gehandelt haben. Keine Reitpferde. Also nicht für
Schlachtfelder – sondern für Prunk und Würde, vielleicht für eine Kutsche, die
durch die Ebenen der Pannonischen Welt rollte.
All diese Beigaben zusammengenommen machen das Hauskirchner Grab
einzigartig im ganzen langobardischen Siedlungsgebiet rund um die mittlere
Donau.


Die Fülle der hochwertigen Objekte lässt vermuten: Die Frau, die hier bestattet wurde, war wohl ein Mitglied des königlichen Hauses.
Heute liegen die Funde in der prähistorischen Sammlung des Naturhistorischen Museums in Wien. Und ein Teil davon kann sogar
besichtigt werden. Ich stehe jedes Mal davor wie ein Fan im Konzertsaal – und jedes Mal stelle ich mir die junge Frau vor: ihre Kleidung,
ihr Leben, ihre Bedeutung. Manchmal glaube ich fast, sie könnte gleich zu erzählen beginnen.
Aber vielleicht tut sie das ja…
Für jene, die genau hinhören

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