Was ist die Zeit – erklärt von Benno
Im oberen Turmzimmer des Hauskirchner Geschichtenarchivs war es an diesem Nachmittag so still, dass man das Knacken der alten Holzbalken hören konnte. Draußen hing der Nebel zwischen den Dächern wie ein schläfriger Gedanke, und drinnen summte die Pendeluhr ein eintöniges tick-tack, das sich anhörte wie das leise Räuspern der Ewigkeit. Es roch an diesem Nachmittag nach Tinte, Staub und Pfirsichkompott.
Brösel saß in seinem viel zu großen Sessel, die Tatzen tief in einem Buch über „Seltsame Zeiteinheiten des Mittelalters“. Nach drei Seiten hatte er beschlossen, dass das alles viel zu kompliziert war, und blätterte stattdessen zu den hübschen Illustrationen von Sonnenuhren und Stundengläsern.
Da klapperte es von der Treppe her, und Benno tauchte auf. Die Brille beschlagen, ein Bündel vergilbter Notizen unter dem Arm, die leicht nach Tinte und Lebkuchen rochen.
Wohin geht die Zeit?
„Benno?“, fragte Brösel nach einer Weile und stupste den großen Archivschlüssel mit seiner Tatze an.
„Hmm?“
„Was genau ist eigentlich Zeit?“
Benno, der kleine bärige Turmarchivar mit seinem himmelblauen T-Shirt, hob seine runde Brille, sah über den Rand und räusperte sich so tief, dass sich das Uhrpendel kurz verschluckte.
„Die Zeit, mein lieber Brösel,“ begann er bedeutungsvoll, „ist eine Abfolge von Momenten, geordnet nach Ursache und Wirkung, gemessen in Stunden, Minuten und Sekunden.“
Brösel blinzelte.
„Aha,“ sagte er, „und wo wohnt sie?“
„Wie bitte?“
„Na die Zeit. Wenn sie so viel misst und ordnet, muss sie ja irgendwo wohnen.“
Benno runzelte die Stirn. „Die Zeit wohnt nicht, Brösel. Sie… vergeht.“
„Aber wenn sie vergeht, dann muss sie ja von irgendwoher kommen!“
Brösel sah Benno ernst an. „Vielleicht aus der Teekanne? Oder aus der Uhr? Oder aus deinem Fell?“
„Benno,“ fragte Brösel, „und WOHIN geht eigentlich die Zeit, wenn sie vorbei ist?“

Der kleine Turmarchivar blieb mitten im Schritt stehen, sah Brösel über den Brillenrand hinweg an und zog die Augenbrauen hoch.
„Wie meinst du das… wohin?“
„Na ja“, sagte Brösel und rollte sich im Sessel zusammen wie eine Frage mit Knopfnase, „sie muss ja irgendwohin verschwinden, wenn sie nicht mehr da ist. Vielleicht in so ein großes Lagerhaus hinter dem Himmel, wo sie die alten Stunden aufbewahren?“
Die Zeit ist ein unaufhörlicher Fluss, sagt jedenfalls Benno.
Benno lachte leise. „Ach, mein lieber Brösel, die Zeit vergeht einfach. Sie fließt, wie ein Fluss.“
„Aber wenn sie fließt,“ überlegte Brösel, „müsste sie ja irgendwann ins Meer kommen. Vielleicht ins Meer der Geschichten! Da landen doch alle verlorenen Stunden?“
Benno wollte widersprechen, doch der Gedanke gefiel ihm zu gut.
„Hm,“ brummte er nachdenklich, „das wäre gar nicht so unlogisch. Im Meer der Geschichten würden dann alle ‚damals‘ und ‚bald‘ miteinander baden gehen.“
Brösel nickte eifrig.
„Und ‚gleich‘ sitzt am Ufer und zieht die Socken aus!“
Benno lachte laut auf. „Brösel, du bist unmöglich!“
„Nein,“ antwortete Brösel ernst, „ich bin nur zeitlos charmant.“
Brösel kicherte. „Dann sollten wir vielleicht ein kleines Boot bauen. Stell dir vor, wir paddeln im Zeitfluss und fischen Erinnerungen heraus! Ich würde mir die schönste Stunde vom Sommer angeln und in ein Marmeladeglas stecken.“
„Das würde dir vermutlich irgendwann überlaufen“, murmelte Benno und setzte sich neben ihn. „Die Zeit lässt sich nicht einfangen, Brösel. Sie rinnt uns durch die Finger, ob wir wollen oder nicht.“
Brösel hob eine Tatze und sah sie prüfend an. „Komisch, meine Finger sind ganz trocken. Keine Spur von verronnener Zeit.“
Benno verdrehte die Augen und holte tief Luft, um etwas Kluges zu sagen. Aber Brösel kam ihm zuvor:
„Vielleicht ist Zeit ja gar kein Fluss, sondern ein Besen!“
„Ein… Besen?!“
„Ja, einer, der alles immer wieder wegkehrt. Jeden Tag. Die Spuren von gestern, den Staub der Gedanken, die Krümel vom Frühstück. Wenn der Besen fertig ist, ist wieder Platz für neue Sachen. Und dann fängt’s von vorne an.“
Benno musste zugeben, dass das gar nicht so unsinnig klang.
„Ein sehr poetischer Besen, mein Lieber.“
„Natürlich,“ sagte Brösel ernst, „ein Zeitbesen fegt nur in eine Richtung: vorwärts. Rückwärts wäre ja unsauber!“
Wer hat die Zeit erfunden?
Sie sahen beide eine Weile schweigend auf die Uhr, die im Hintergrund weiter tickte. Dann fragte Brösel:
„Aber Benno, wer hat die Zeit eigentlich erfunden?“
„Niemand“, meinte Benno, „sie war schon immer da.“
„Dann ist sie also uralt!“ Brösel nickte ehrfurchtsvoll. „Vielleicht hat sie Falten. Oder sie wohnt im Inneren der Erde und kichert manchmal, wenn jemand sagt, er hat keine Zeit.“
Benno kratzte sich am Kopf. „So gesehen, ja. Vielleicht kichert sie sogar sehr oft.“
Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Der Nebel hatte sich verdichtet, und das Turmfenster spiegelte das Licht der kleinen Öllampe, die auf dem Tisch stand.
Brösel beugte sich über das Glas, betrachtete sein rundes Spiegelbild und flüsterte:
„Ich glaube, die Zeit ist eigentlich freundlich. Sie schenkt uns Tage, damit wir Geschichten hineinpacken können.“
Benno nickte langsam. „Und wenn sie vergeht, nimmt sie die Geschichten mit. Damit sie nicht verloren gehen.“
„Dann ist sie also die Archivarin von allem, was war!“ rief Brösel begeistert. „Benno! Du bist ja gar nicht der einzige Archivar im Dorf!“
„Hmpf,“ machte Benno, aber in seinem Fell zuckte ein Lächeln.
„Ich teile mir die Arbeit nur ungern, aber… ja. Vielleicht hast du recht.“
Sie saßen noch lange da, während das Ticken der Uhr wie ein sanfter Regen über sie rieselte.
Und irgendwo, vielleicht ganz hinten im Nebel, lachte die Zeit leise vor sich hin.

Brösels Notiz:
„Wenn du einmal nicht weißt, wie spät es ist, mach etwas, das dir Spaß macht.
Dann ist’s immer genau der richtige Moment.“

